Ekin Deligöz über die Suche nach einer Heimat

Auf der Suche nach einer Heimat

Seit einiger Zeit wird in Deutschland intensiv über den Begriff „Heimat” diskutiert. Das neue Bundesinnenministerium soll jetzt auch ein Heimatministerium werden. Aber was ist Heimat?

Heimat ist ein schwer zu fassender Begriff in unserer Zeit. Für die einen ist er historisch belastet und deshalb ein Tabu. Für die anderen ist der Begriff geradezu ein Ausdruck von Sehnsucht, der Inbegriff des Dazugehörens, Teilhabens und Wohlfühlens. Das Wort Heimat steht auch für Sicherheit und Beständigkeit. Während die einen in die Symbole einer Nation, wie die Hymne oder die Flagge, die Geschlossenheit einer Nation gegenüber anderen hineininterpretieren, sehen die anderen darin das Symbol, endlich angekommen zu sein. Zu den letzteren zählen sicher die Kinder der ehemaligen Gastarbeiter in diesem Land. Unsere Eltern, also die erste Generation der Einwanderer, hingegen hatten eine Heimat, zu der sie auch einerseits immer noch verbunden und andererseits doch so weit entfernt sind. Emotional betrachtet leben sie jedoch in der fernen Heimat. Wir, ihre Kinder, sind aber auf der Suche nach unserer eigenen Emotion, nach unserer eigenen Heimat, die in der Herkunftsregion unserer Eltern nur aus der Ferne verankert sein kann. Aber haben wir eine Chance, sie woanders als dort zu finden?

Menschen, die zu einer Minderheit in einem Land gehören, machen essentielle Erfahrungen: Es gehört beispielsweise zu ihrem Alltag, immer wieder zwischen den Kulturen, manchmal auch Sprachen, Menschen und Orten, meistens aber zwischen Kommunikationsstrukturen und kulturellen Begebenheiten hin und her zu springen. Der Alltag wird dadurch vielseitiger und das Empfinden bunter. Viele von uns empfinden es allerdings auch als Belastung, zwischen den Stühlen zu sitzen und sich immer wieder für das eine oder das andere erklären zu müssen. Manchmal sind die Geschichten, die wir erleben, lustig, manchmal traurig, manchmal beleidigend. In der Regel haben sie einen bitteren Beigeschmack, aber weil wir uns so dran gewöhnt haben, sind wir in der Lage, sie heiter zu verpacken. Gerne erzähle ich die Geschichte, als ich bei meiner Einbürgerung in Deutschland, trotz Abitur an einem deutschen Gymnasium und einem Vordiplom in einem sehr deutschen Fach – Verwaltungswissenschaft – an einer deutschen Universität gefragt wurde, ob ich denn Deutsch sprechen könne. Auf meine Antwort „Ich beherrsche die deutsche Sprache“ kam die Nachfrage: „Auch schriftlich?“ Oder auch die Reaktion, als ich für eine Mietwohnung als Studentin vorstellig wurde: „Wie, ich dachte da kommt eine Studentin und jetzt kommt eine Ausländerin.“ Die Leserinnen und Leser mögen es nicht glauben, aber wir können tatsächlich über solche Geschichten lachen.

Es reicht nicht, gut zu sein

Es gibt jedoch auch Erfahrungen, deren bitterer Beigeschmack uns dauerhaft bleibt. Hierzu gehört, dass die meisten Menschen mit Migrationshintergrund immer wieder mitgeteilt bekommen, was sie anscheinend „nicht können“ und was ihnen „nicht zugetraut wird“, als zu hören, worin sie gut sind. In meinem Werdegang war es nicht anders. Bei allen meinen Vorhaben, sowohl im Berufsleben als auch während meines Studiums, bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert worden: „Kannst du das überhaupt?“. Ich könnte natürlich inzwischen darauf erwidern: „Ich spreche vier Sprachen, habe das deutsche Abitur, ein Diplom als Verwaltungswissenschaftlerin, war unter den Top Absolventinnen meines Jahrgangs und bin eine erfahrene Bundestagsabgeordnete, warum wird mir das nicht zugetraut?“. Aber bei dieser Frage geht es nicht darum, ob ich die entsprechende Qualifikation habe oder die Fähigkeiten. Hinter dieser Frage verbirgt sich eine Haltung, in deren Rahmen Menschen wie ich auf ihre Herkunft reduziert werden. Gleichzeitig versteckt sich dahinter die Vorstellung, dass meine Herkunft mich eher beeinträchtigt als fördert. Die daraus folgende Konsequenz ist, dass ich mich immer beweisen muss. Es reicht nicht, gut zu sein. Es geht darum, die Blockaden in den Köpfen der Menschen, die mir begegnen, aufzubrechen. Das ist das Schicksal oder, wie wir in der Türkei gerne sagen, „KADER“ meiner Generation. Aber eben auch die Chance, etwas zu verändern.

Doch fangen wir von vorne an. Ich wurde in Tokat, einer Stadt mit 60.000 Einwohnern in Anatolien geboren. Dort wuchs ich in einer Gegend auf, die als Schmelztiegel vieler Kulturen gilt: Unsere Nachbarn waren Tscherkesen, Armenier, Christen und wir selbst waren eine alevitische Familie. Als Kind war es wichtiger, an die leckeren Äpfel der Tscherkes-Nachbarn von nebenan zu gelangen, als zu überlegen, was Tscherkes eigentlich bedeutete. Wichtig dagegen war in meiner Familie eine gute Ausbildung für die Kinder. Mein Großvater war Dorflehrer und meine Großmutter hatte immerhin ein Mädchengymnasium besucht. Sie beide arbeiteten Tag und Nacht: Im Beruf, zu Hause und in unserem kleinen Bauernhof, der nur wenige Kühe und Hühner beherbergte. Wichtig war ihnen, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung erhielten, um ihren Beitrag zu leisten, die Welt etwas gerechter und besser zu machen.

Der Blick auf die andere Seite des Zauns

So kam es, dass meine Mutter Lehramt studierte. Jahre später kam sie gemeinsam mit mir, als ich acht Jahre alt war, als Lehrerin nach Deutschland. Wir kamen zunächst nur für fünf Jahre. Es war wie bei vielen anderen ‚Gastarbeitern’ auch: Wir kamen, um zu gehen und wir blieben. Meine erste Begegnung mit Deutschland war die Bahnhofstraße in München. Als wir 1979 durch die Straße voller Dönerläden und türkischer Märkte liefen, war entsprechend meine erste Reaktion, dass wir den weiten Weg nicht hätten auf uns nehmen müssen. Anders sah es in der Türkei auch nicht aus. Den Döner gab es auch dort. Dieser Eindruck setzte sich fort, als ich meine neue Klasse in der Grundschule in Senden bei Neu-Ulm in Bayern betrat. Wir waren 34 Schülerinnen und Schüler in der Klasse. Unsere Lehrer unterrichteten uns auf Türkisch, nach dem türkischen Lehrplan, in einem eigenen Schulflügel. Selbst die Pausenhöfe der türkischen und der deutschen Schüler waren getrennt. Die türkischen Kinder verbrachten ihre Pause im Hinterhof, während die deutschen Schüler im Innenhof blieben. Ich erinnere mich, wie wir an den dazwischen angebrachten Gittertoren hingen, um einen Blick in die deutsche Welt zu erspähen. Irgendwie war dort alles glänzender und interessanter; zum Beispiel waren die Fenster der Klassenzimmer bunt geschmückt. Die Welt auf der anderen Seite war spannend und doch so fern. Auf unsere Seite war es trister und eintöniger. In unseren Klassenzimmern hingen wenige aus der Türkei mitgebrachte Fahnen und vergilbte Unterrichtmaterialien, die unsere Lehrer in ihrem Handgepäck nach Deutschland mitgebracht hatten. Sie waren veraltet und sie drückten eine Welt aus, die irgendwie stehen geblieben war. Wir waren hier abgestellt und alles signalisierte uns: Ihr gehört nicht dazu. Ihr seid Zaungäste.

Das Einzige, was uns mit Deutschland verband, waren zwei ganze Schulstunden in der Woche. Allerdings wiederholte unsere Lehrerin immer wieder, dass wir eigentlich hoffnungslose Fälle seien. Schließlich seien ja unsere Eltern Analphabeten. Alle unsere Eltern konnten lesen und schreiben. Schließlich gab es seit Atatürk die Schulpflicht auch in der Türkei. Aber uns war von unseren Eltern gelehrt worden, Erwachsenen niemals zu wiedersprechen, denn das galt als unhöflich! So blieb es, dass wir als hoffnungslose Fälle galten. Ich lernte dabei das Wort „Hoffnung“ – immerhin!

Nach der Schule rannten wir gemeinsam in der Kleinstadt Senden herum. Wir, die Türkenkinder, wohnten im gleichen Stadtteil, spielten auf den gleichen Straßen, wo auf Schildern stand: „Rasen betreten verboten“. Ich verstand das nicht. Bis dahin waren Rasen für mich Flächen zum Picknicken und herumtollen. Nur hier war das verboten. Wir sollten uns auf den kleinen asphaltierten Flecken dazwischen den Platz mit den parkenden Autos teilen. Wir waren Zaungäste in einem Leben, das ohne uns stattfand.

Meine Mutter hatte irgendwann genug davon, nahm all ihren Mut zusammen und klopfte an die Tür unserer deutschen Nachbarn in dem Hochhaus, wo meine Mutter und ich eine kleine Wohnung bewohnten. Sie hatten zwei Töchter in meinem Alter, die zu den „Innenhofkindern“ in der Schule gehörten. Meine Mutter besuchte in Istanbul ein halbes Jahr lang einen Deutschkurs im Goethe-Institut und konnte bereits ein paar Sätze dieser fremden Sprache. Mit einem Wörterbuch in der Hand fragte sie sie, ob ihre Töchter nicht gemeinsam mit mir spielen wollten. Es war Weihnachten, im Haus unserer Nachbarinnen wurde gerade gebacken und so erlebte ich meine erste Weihnachtsbäckerei. Wir sprachen nicht die gleiche Sprache, aber wir verstanden uns. Später trafen sich die Nachbarinnen regelmäßig zum gemeinsamen Nähen, Kochen und Teetrinken und wir Mädchen wurden enge Freundinnen. Diese Freundschaft eröffnete mir einen Blick auf die andere Seite des Zauns und mit ihr betrat ich irgendwie ein anderes Leben.

Sprache eröffnet Perspektiven

Damit öffnete sich für mich auch die Tür zu der anderen Sprache. Ich begann Deutsch zu sprechen. Nach einem halben Jahr wechselte ich in eine deutsche Klasse. Ich begann Deutsch zu reden, zu denken und zu leben. Ich wurde zu einem Innenhofkind. Das eröffnete mir Perspektiven. Es führte aber auch dazu, dass sich meine türkischen Freunde von mir entfernten. Es war leider die Zeit von Entweder – Oder. Denn es trennte uns ein Zaun. Mein Weg führte mich auf das Gymnasium, später an die Universität und in meinen Beruf.

Eigentlich ist mein Beruf eine Berufung: Ich will Zäune niederreisen. Ich will, dass alle dazugehören und niemand außen vor bleibt. Ich will dafür einstehen, dass die Fehler, die in meiner Generation begangen wurden – uns auszuschließen – nicht wiederholt werden bei den Menschen, die jetzt nach Deutschland kommen. Egal, ob sie nur kurz da sind oder lange bleiben. Sie gehören dazu. Ich setze mich dafür ein, dass alle die besten Schulen und Kindergärten besuchen können und dieselben Bildungschancen bekommen: Damit jede und jeder nach individueller Begabung ein Teil dieser Gesellschaft wird und sich entwickeln kann. Nicht der Zufall, sondern die Begabung sollte über den weiteren Lebensweg entscheiden. Vor allem will ich die Denkstrukturen in den Köpfen überwinden! Das ist der Auftrag an meine Generation, damit unsere Kinder nicht die gleichen Erfahrungen machen müssen wie wir. Für sie soll es heißen: „Du kannst es und ich traue es dir zu!“

Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun, und zwar mit jeder neuen Einwanderung, die genauso zu unserer globalisierten Welt dazu gehört wie der Handel, den wir treiben. Wir alle sollten in diesen Tagen unermüdlich für ein offenes Land des Willkommens arbeiten. Weil das Land, für das wir uns einsetzen, unsere Heimat geworden ist.

Als ich Anfang 20 war, stellte ich fest, dass ich mich irgendwann entscheiden muss. Sollte ich in Deutschland bleiben wollen, so war es eine Hürde, dass meine türkische Staatsbürgerschaft mir zwar alle Pflichten einer Staatsbürgerin auferlegte, mich aber von den demokratischen Rechten, wie z. B. dem Wahlrecht, ausschließ. Ich aber war ein politisch denkender und handelnder Mensch und wollte nicht nur passiv, sondern auch aktiv sowohl am gesellschaftlichen als auch am politischen Leben teilhaben. Also kehrte ich versuchsweise für eine gewisse Zeit in die Heimat meiner Staatsbürgerschaft zurück: Ich arbeitete als Praktikantin für zwei Monate am Goethe-Institut in Ankara mit der Option auf Verlängerung. Wenn ich es darauf angelegt hätte, wäre mir vielleicht sogar eine Stelle als Ortskraft angeboten worden.

Zwischen den Welten

Es war schön, nahe bei meinen Verwandten zu sein. Auch die Lebensqualität kann in der Türkei durchaus sehr gehoben sein, wenn man Zugang zu den entsprechenden Kreisen erhält und alles andere – was wir als politisch unhaltbar beurteilen – kann im Alltag durchaus ausgeblendet werden. Aber ich hatte in Deutschland die Freiheit des Denkens und Handelns geschnuppert und wollte diesbezüglich keine Abstriche machen. Und zwar weder privat noch beruflich. Es gab zu viele gesellschaftliche Konventionen, die ich nicht kannte und denen ich mich hätte beugen müssen. Diese fingen an mit der Kleidung (konservativ, konventionell) bis hin zum Sozialverhalten (traue am besten niemanden). Vor allem aber machten mir die türkischen Kollegen das Leben sehr schwer. In ihren Augen war und blieb ich eine „Deutschländerin“. Die Wohlgesonnenen wollten mich nur erziehen, für die anderen war ich bereits verloren, noch bevor sie mich kannten. Nach zwei Monaten kam ich zurück nach Deutschland – nach Hause! Gleich am darauffolgenden Tag beantragte ich die deutsche Staatsbürgerschaft, für die ich dann zwei Jahre kämpfen sollte, um sie zu erhalten. All mein Wille, meine Sozialisation sowie Qualifikation reichten damals nicht aus. Für meine Mutter war das eine schwierige Situation. Auch wenn sie es nicht ausgesprochen hat, so weiß ich doch, dass sie fürchtete, dass ich meine Wurzeln vergessen oder zumindest verdrängen würde und damit auch meine Familie. Ich dagegen wusste, dass ich gerade damit mir das nicht passiert, meine eigenen Wurzeln festigen musste. Auch wenn es paradox klingen mag, gehört genau das zu unserer Identität. Für viele von uns ist es deshalb eine Brücke, die doppelte Staatsbürgerschaft anzustreben. Ängste ernst nehmen, aber sich öffnen für etwas Neues. Die Tatsache, dass viele in der Debatte um die doppelte Staatsbürgerschaft den Antragsstellern mangelnde Loyalität unterstellen, ist noch heute ein Ausdruck der Unkenntnis darüber, in welcher Situation viele von uns sich befinden.

Gerade deshalb reicht es nicht aus, wenn sich alleinig die Bereitschaft der Migrantinnen und Migranten ändert. Es müssen Strukturen entstehen, in denen eine Kultur des Miteinanders gedeihen und wachsen kann. Hier ist Teilhabe ein Schlüsselbegriff. Und der Auftrag an die Politik imminent, denn sie hat die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Teilhabe, die Grundvoraussetzung für Integration, gelingt und ein demokratisches Staatswesen wirken kann.

Hierzu ist es unabdingbar, die Veränderung der Zusammensetzung einer Gesellschaft in diesen Strukturen auch abzubilden. In der Praxis bedeutet das, dass wir unsere Strukturen im Staatswesen immer wieder auf die Frage der Gewährleistung von Teilhabe und Akzeptanz sowie die Funktionsfähigkeit überprüfen müssen. Sowohl die öffentliche Verwaltung als auch deren Repräsentation sind die Visitenkarten einer funktionierenden demokratischen Struktur. Am Beispiel der aktuellen Entwicklungen lässt sich das gut darstellen.

Dabei gilt es, aus den Fehlern, die in früheren Zeiten bei der Einwanderung der „Gastarbeiter“ begangen wurden, zu lernen und es jetzt besser zu machen. Es hängt von einer gelungenen Integrationspolitik ab, ob die Kinder der Neuzuwanderer eine Chance im Leben erhalten, ob es gelingt, Konflikte in der Gesellschaft zu lösen oder vermeiden, ob das Zusammenleben aller funktioniert, oder nicht. Eine gelungene Integrationspolitik forciert das Erlernen der Sprache, eröffnet Zugänge zu Bildung, ermittelt einen gemeinsamen Wertekanon und, nicht zuletzt, befähigt zur Erwerbstätigkeit und somit zur eigenen Existenzsicherung. Diese Faktoren sind allentscheidend dafür, dass auch neu Zugewanderte gesellschaftlich teilhaben können. Und es ist auch das Fundament für ein gutes Miteinander, in der Nachbarschaft, im Ort, in den Arbeitsstätten, in den Kitas, Schulen und Vereinen. Damit dieses Fundament gefördert und erhalten bleibt, müssen wir in all diese Orte, in die soziale Infrastruktur, in die Träger unseres Staatswesens, investieren.

Was es für die Integration braucht

Eine gelungene Integration braucht soziale Infrastrukturen, das heißt Angebote und Dienstleistungen, die das notwendige Rüstzeug vermitteln. Diese Infrastruktur ist eine Grundvoraussetzung für das Gelingen von Integration, gestaltet aber noch kein Miteinander. Sie muss genutzt werden. Damit das wechselseitig gut gelingt, müssen jedoch insbesondere die Strukturen in den Infrastruktureinrichtungen mit den Veränderungen mitgehen. Interkulturelle Kompetenz, Kenntnisse über Herkunftskulturen, biografische Gegebenheiten und nicht zuletzt ein Verständnis für die aktuelle gesellschaftliche Lage sind essentiell, damit die dortige Arbeit ihre Wirkung entfalten kann. Die öffentliche Infrastruktur muss kompetent und verlässlich sein, um das Vertrauen der Menschen zu gewinnen und erhalten. Es müssen daher unbedingt Menschen darin tätig sein, die in diesen Einrichtungen Brücken zwischen den Kulturen bauen und gestalten. Sie müssen in der Lage sein, Vorurteile abzubauen und daran arbeiten, dass sie künftig vermieden werden. Wir brauchen Menschen, die selbst Migrationserfahrung haben, die in den Strukturen des öffentlichen Dienstes und der staatlichen Infrastrukturen (Mit-)Verantwortung übernehmen. Es braucht Menschen mit Kenntnissen über die Hintergründe von Zuwanderung, Menschen, die die Grundlagen unserer Gesellschaftsordnung verstehen und vermitteln können.

Der Alltag sieht bisher aber ganz anders aus. Migranten und Migrantinnen sind in der Politik und Verwaltung noch immer eine Randerscheinung. Ihr Anteil in der Verwaltung und im öffentlichen Dienst ist ebenso noch sehr gering. Rund 16,4 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Dies entsprach im Jahr 2014 einem Bevölkerungsanteil von 20,3 %. Die Mehrheit der Personen mit Migrationshintergrund hatte einen deutschen Pass (56,0 %). Gleichzeitig haben lediglich 2 % der politischen Mandatsträger und Mandatsträgerinnen in deutschen Parlamenten einen Migrationshintergrund. Ihr Anteil liegt im Bereich der politischen Interessensvertretung also deutlich unter dem, den sie in der Bevölkerung haben. Zu einem Miteinander auf Augenhöhe gehört aber, dass sie politische Verantwortung übernehmen können und auch sollen. Deshalb sollten mehr Migranten und Migrantinnen die Chance bekommen, im öffentlichen Dienst, z.B. in Rathäusern, Bürgerämtern und Ausländerbehörden beschäftigt zu werden. Gleichzeitig müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den sozialen Einrichtungen und Behörden für die Belange der Migranten und Migrantinnen durch Schulungen und Fortbildungen sensibilisiert werden. Außerdem sollten Migrantinnen und Migranten zur aktiven politischen Teilhabe durch Mentoren-Programme, Praktika und gezielte Ansprache ebenso wie zu Kandidaturen für politische Mandate ermuntert werden.

Um die Vielfalt der Gesellschaft auch im öffentlichen Dienst widerzuspiegeln, sind Stipendien und Berufsförderprogramme für Migranten und Migrantinnen notwendig, um den Einstieg in den öffentlichen Dienst zu erleichtern. So kann beispielsweise die Anzahl der Polizisten und Polizistinnen mit Migrationshintergrund erhöht werden.

Jede Kommune sollte eine/n Integrationsbeauftragte/n ernennen, der/die dafür verantwortlich ist, die Vernetzung und Koordinierung von haupt- und ehrenamtlicher Integrationsarbeit aufzubauen. Auf Bundesebene muss ein Integrationsministerium den Auftrag der Koordination der unterschiedlichen Behörden und Verantwortungsebenen und regelmäßiger Berichterstattung über Integration und Migration in Deutschland übernehmen. Auch das zivilgesellschaftliche Engagement braucht Orte, in denen es gelebt werden kann, z.B. Frauencafés, Jugendtreffpunkte, Nachbarschaftshäuser, Mehr-Generationen-Häuser oder ehrenamtliche Netzwerke. Zudem müssen Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Lehrer und Lehrerinnen, Erzieher und Erzieherinnen systematisch in ihrer interkulturellen Kompetenz geschult werden.

Wir müssen in die soziale Infrastruktur jetzt investieren. Demokratie leben bedeutet, die Strukturen für die Gesellschaft zu öffnen und Möglichkeiten für eine Identifikation mit der selbigen zu schaffen. Wer sich in die Gesellschaft einbringen und so an ihr teilnehmen kann, verteidigt auch deren Regeln und akzeptiert ihre Bedingungen. Demokratie leben bedeutet auch immer die Verantwortung, sie zu gestalten. Dieser Verantwortung sollten wir uns stellen.

Die gemeinsame Heimat trotz aller Unterschiede

Aus einem feierlichen Anlass wurde neulich im Bundestag die deutsche Hymne gesungen. Ich sang mit, denn ich habe mich aus freien Stücken für diese Staatsbürgerschaft entschieden und viele Hürden überwunden, um dieses Recht auch zu erhalten und dazuzugehören. Ich engagiere mich in der Politik, damit das Gemeinsame und Verbindende einer vielfältigen Gesellschaft zueinander findet und Hinzugekommene teilhaben und dazugehören können. Für mich ist das Singen der Nationalhymne ein Symbol des Dazugehörens.

Neben mir stand ein Kollege, der nicht mitsang. Die Erfahrungen, die er als Kind im nationalsozialistischen Deutschland gemacht hat, prägten ihn. Er war in die Politik gegangen mit dem Versprechen, sich für „ Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ einzusetzen. Dazu gehörte auch eine berechtigte Form des Misstrauens gegenüber der Nation und der dazugehörigen Institutionen. Für ihn war das Deutschlandlied der Inbegriff dieser Nation.

Gemeinsam setzen wir uns dafür ein, dass rechtes Gedankengut in Deutschland keinen Nährboden findet. Wir beide bekennen uns ohne Einschränkungen zum Grundgesetz, die deutsche Verfassung, und Art 1 GG ist die Grundlage jeglicher Entscheidung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Denn das ist unsere gemeinsame Heimat. Die Heimat, die ich gefunden habe, ist nicht ein Ort, nicht Blut und Boden, sondern eine geistige Haltung. Eine Wertehaltung, die uns verbindet und die uns verpflichtet.

 

Erschienen in: Politik ohne Grenzen – Migrationsgeschichten aus dem Deutschen Bundestag, 2016