Brauchen wir den Netzausbau in Bayern?

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Mitgliederzeitschrift Basisbrief.

Dr. Michael Sterner ist Professor für Energiespeicher an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH Regensburg). Mit ihm sprach Landesvorsitzender Eike Hallitzky über Gaskraftwerke und Netzausbau.

Prof. Sterner, Sie sind Professor für Energiespeicher, was genau forschen Sie da?

Im Kern geht es um die Frage, wie die Integration erneuerbarer Energien in die Energieversorgung der Zukunft technisch, wirtschaftlich und ökologisch gelingen kann.

Wind und Sonne brauchen Unterstützung. Sind Gaskraftwerke eine sinnvolle Lösung für den Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem Stromsektor?

Gaskraftwerke sind technisch hervorragend dazu geeignet. Wirtschaftlich sind sie derzeit nicht. Eine Megawattstunde Strom aus Erdgas kostet das 3- bis 4-fache als günstiger Windstrom aus Norddeutschland über die Stromtrassen. Versorgungssicher ist Erdgas mit Nichten: Gazprom hat angekündigt, ab 2020 kein Gas mehr von Russland über die Ukraine zu liefern. Diese Konflikte verdeutlichen immer wieder, wie abhängig wir von Importen sind. Von daher sind Gedankenspiele, Bayern mit Erdgas autark zu machen, absurd. Die Rechnung geht eher mit erneuerbaren Energien auf, die heimisch sind und weitgehend CO2-frei oder CO2-neutral. Das ist nämlich ein weiterer Schwachpunkt von Erdgas: es verursacht zwar weniger Emissionen als Kohle und Öl, ist aber dennoch ein fossiler, CO2-behafteter, endlicher Energieträger. Von daher gehört die Zukunft Windgas, Solargas und Biogas. Damit können wir die tolle vorhandene Gasinfrastruktur samt riesigen Speichern langfristig mit grüner Energie weiter nutzen. Und für die Stromerzeugung halte ich dezentrale verteilte, intelligent gesteuerte Blockheizkraftwerke für die effizientere Lösung als zentrale Gaskraftwerke, da wir die Abwärme effizienter nutzen können.

 

Als hoch geachteter Spezialist für Energiespeicher sind Sie sozusagen von Berufs wegen Experte für dezentrale Lösungen. Macht es Sinn, zum Ausgleich von Stromangebot und -nachfrage in Bayern auf neue Stromleitungen (HGÜ) zu verzichten?

Nein, rein aus wirtschaftlichen Gründen mach es keinen Sinn, auf die HGÜ zu verzichten. Es wäre technisch möglich, aber nachteilig für den Wirtschaftsstandort Bayern. Eine Strompreiszone Süd würde die Preise deutlich erhöhen. Es macht Sinn, dezentral zu erzeugen, dann aber verteilt und im gemeinsamen Verbund die Energie zu nutzen. Hier sind die Stromtrassen unter allen Integrationsmaßnahmen noch das günstigste und damit ein wichtiger Baustein. Für mich steht nicht die Frage im Raum, ob wir sie brauchen – sondern wie wir sie umsetzen. A und O ist dabei eine echte Bürgerbeteiligung und eine bürgerfreundliche Umsetzung: kleine Masthöhen, Teilverkabelungen, elektrischer Ausgleich und Bündelung von Infrastrukturen – wie z.B. eine Trassenführung entlang von Autobahnen. Die Hauptherausforderung der Energiewende besteht nicht in der technischen Machbarkeit, der volkswirtschaftlichen Kosten oder der Ökologie – alles ist gelöst bis auf eins: die politische und gesellschaftliche Dimension. Hier liegt nun die Verantwortung einer ehrlichen Kommunikation und Moderation vor allem bei einer Gruppe: den Politikern.