Christlich-Islamischer Dialog

Tagung der Landesarbeitsgemeinschaft Christinnen und Christen in Penzberg und München

Vor dem Hintergrund von Globalisierung, weltweiter Migration, die verstärkt auch hier in Deutschland und Bayern ankommt, voranschreitender Pluralisierung und des sich zunehmend religiös verstehenden Terrorismus hat der interreligiöse Dialog an Bedeutung gewonnen und wird in jüngster Zeit vermehrt von allen Seiten gefordert und gefördert.

Die Landesarbeitsgemeinschaft Christ*innen bei Bündins 90/Die Grünen wollte hierzu einen Beitrag leisten und hat am vergangenen Wochenende mit einer zwölfköpfigen Delegation eine dreitägige Tagung in München und Penzberg veranstaltet.

Zum umfangreichen Programm gehörte das Kennenlernen auf Augenhöhe. Die Begegnung mit dem jeweilig anderen religiösen und kulturellen Standpunkt im gegenseitigen Respekt stand dabei im Vordergrund.  Daher wurde nach einem Vortrag der grünen innenpolitischen Sprecherin der Landtagsfraktion Katharina Schulze über den sogenannten „Salafistischen“ Terrorismus  und „Islamfeindlichkeit“ als Herausforderung für die pluralistische Gesellschaft  nicht nur das Münchner Forum für Islam besucht, sondern auch zwei intensive Tage im Penzberger Islamischen Gemeindezentrum verbracht. Hier gab es viele Gespräche über die Geschichte der Penzberger Moschee, die Möglichkeit zur Teilnahme am Mittagsgebet, Einblicke in Islamische Theologie und Kultur. Als Seele des Hauses und schier unerschöpfliche Wissensquelle erwies sich hierbei die Bildungsreferentin der Gemeinde Gönül Yerli, die für die Dialogarbeit der Penzberger Moschee verantwortlich ist.

Gemeinsame Ursprünge

Grundlage des Interreligiösen Dialogs bilden dabei gemeinsame Ursprünge als abrahamitische Religionen, und Werte wie Solidarität und Versöhnung, und über die Religionsgrenzen hinweg verbindende Aufgaben, wie das gemeinsame Eintreten für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung. Es galt aber auch, das Trennende in den Religionen und Konfessionen nicht zu tabuisieren, sondern darüber ins Gespräch zu kommen. Bei einer Podiumsdiskussion haben diese Fragen Imam Benjamin Idriz, die grüne Landtagsabgeordnete und evangelisch-lutherische Synodalin Verena Osgyan, der katholische Theologe und Salesianer Prof. Dr. Lothar Bily aus Benediktbeuern unter der Moderation der Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Kerstin Täubner-Benicke erörtert. Bily hob in der Diskussion hervor, dass es, seit der Islam im 8. Jahrhundert in Spanien angekommen war, immer wieder Zeiten der gegenseitigen theologischen und kulturellen Annäherung  gab, unter anderem schon Koranübersetzungen im 12. Jahrhundert. Die islamisch-christliche Begegnung bestünde historisch gesehen eben nicht nur aus Kreuzzügen und Türkenkriegen, sondern auch aus  Zeiten friedlichen und kulturell fruchtbaren Zusammenlebens.

Zweiter Schwerpunkt der Diskussion stellte die zunehmende und von rechtspopulistischen Kräften instrumentalisierte Islamfeindlichkeit dar. Der Imam zeigte sich besorgt über das für Muslime zunehmend kälter werdende Klima im öffentlichen Diskurs und plädierte für die offene demokratische Gesellschaft, die allen Religionen gleichberechtigte Partizipation einräumt. In ihrem Grußwort stellte die grüne Landesvorsitzende Sigi Hagl klar, dass der Islam schon längst angekommen sei in Deutschland und zu einer gelungenen Integration die Förderung der Religionsfreiheit auch in Form von islamischem Religionsunterricht für alle Kinder an allen Schularten gehört. „Eine Religion als Ideologie zu diffamieren und als nicht demokratiekonform zu bezeichnen, ist für uns Grüne nicht hinnehmbar“, sagte sie vor fast dreißig Zuhörern.

Die lokale Perspektive und die vielen gemeinsamen Projekte der beiden christlichen Konfessionen und der muslimischen Gemeinde wie die Auszeichnung als Fair-Trade-Kommune und der interreligiös begangene „Schöpfungstag“, stellten Gönul Yerli, der katholische Pfarrer Bernhard Holz, der evangelisch-lutherische  Pfarrer Klaus Pfaller, sowie der 2. Bürgermeister von Penzberg Dr. Johannes Bauer vor.

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Am Sonntag wurde das Thema „Frau im Islam“ herausgegriffen, da es immer wieder durch die Vorfälle an Silvester in Köln zu Polemik missbraucht wird, aber auch zum Nachdenken über die Sichtbarkeit und das Verhältnis von Religionen und Staat anregt.  Im Gespräch darüber waren Gönül Yerli, sowie die Sozialpädagogin der Islamischen Gemeinde Nermina Idriz und die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz. Diese schilderte eindrücklich, welche Erlebnisse als türkisches alewitisches Mädchen in der Türkei und in Deutschland sie prägten und mit dafür sorgten, dass sie sich in der Politik auch für Frauen- und Menschenrechte  einsetzt. Nermina Idriz brachte die Perspektive der emanzipierten bosnischen Muslimin ein, die aus Überzeugung ihren Glauben nach außen trägt. Gönül Yerli verwies in der Diskussion auf die in den überlieferten Schriften aller Religionen aufscheinenden patriarchalen und frauenfeindlichen Strukturen.  Die theologische und historisch-kritische Auseinandersetzung darüber sollte auch zunehmend durch Frauen geleistet werden. „Mohammed hat gesagt: „Ihr dürft eure Frauen nicht daran hindern, in die Moschee zu gehen!“, zitierte Yerli.  Die in den letzten Jahren eingerichteten islamischen Lehrstühle in Deutschland seien hier gefordert, vor allem auch um den großen Bedarf an in Deutschland ausgebildeten Imamen und Religionspädagoginnen abzudecken.

Fazit der Tagung war, dass, wenn Menschen Häuser bauen, Muslime in Gemeindezentren und Moscheen investieren, dann zeigt sich, dass sie Verantwortung übernehmen wollen, in der Gesellschaft und für die Gesellschaft. Dazu ist es nötig, noch mehr in die Bildung zu investieren, die Moscheen aus den Hinterhöfen herauszuholen, mit Interimslösungen rechtliche Schwierigkeiten, wie die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts aufzulösen und vor allem immer das Gespräch zu suchen und gemeinsam für Demokratie, Menschenrechte, Partizipation, Religionsfreiheit und Versöhnung einzutreten.  „Wenn die Waffen laut sind, schweigen die Menschen. Und wenn sie schweigen, dann kann es keinen Frieden geben.“ sagt der Imam Benjamin Idriz.