Eine Frage der Haltung

Wie kann die Agrarwende gelingen, was muss die Politik tun, und welche Rolle spielt nachhaltiger Konsum? Toni Hofreiter, Vorsitzender der Bundestagsfraktion, fordert eine klare Kennzeichnung nach Haltungsformen beim Fleischkauf, damit die Verbraucherinnen und Verbraucher selbst entscheiden können, welches Fleisch sie essen wollen.

Deutschland hat im Jahr 2016 wieder einen traurigen Rekord aufgestellt: Noch nie wurde so viel geschlachtet in unserem Land. Fast 60 Millionen Schweine, 3,6 Millionen Rinder, und beim Geflügel zählt die Statistik erst gar nicht die Tiere, sondern nur die Menge: 1,5 Millionen Tonnen. Der allergrößte Teil der Tiere stammt aus Massentierhaltung. Viel von dem Fleisch wird exportiert, denn der Fleischkonsum in Deutschland geht zurück. Doch zumindest für den Teil, der hier gegessen wird, wollen wir eine Fleischkennzeichnung einführen, damit beim Einkauf ganz leicht erkennbar ist, wie das Tier gehalten wurde.

 

Bei den Eiern hat das gut funktioniert. Die erste aufgestempelte Zahl zeigt die Haltungsform, vom Bio-Ei mit „0“ über die „1“ für Freilandhaltung und die „2“ für Bodenhaltung bis zur Käfighaltung mit „3“. Im deutschen Einzelhandel findet man praktisch keine Eier aus tierquälerischer Käfighaltung mehr. Übrigens setzen wir uns auch dafür ein, dass bei Produkten, die Ei enthalten, wie Nudeln, Kuchen oder Kekse, das verwendete Ei ebenso gekennzeichnet werden muss.

 

Dieses System, das die Verbraucherinnen und Verbraucher kennen, wollen wir in Deutschland und auf EU-Ebene auch beim Fleisch und später auch für Fleischprodukte einführen. Bisher wird bewusst über die industrielle und konventionelle Fleischproduktion hinweggetäuscht: Romantisierende Handelsnamen wie „Wiesenhof“ oder Bilder pittoresker Bauernhof-Idylle auf der Verpackung führen in die Irre. Damit muss Schluss sein. Beim Fleisch würde die Kennzeichnung mit einer „0“ Bio-Standard bedeuten, die „1“ könnte für Tierhaltung mit mehr Auslauf stehen, die „2“ für mehr Platz im Stall und die „3“ für die gesetzlichen Mindestanforderungen. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe hat hierzu Vorschläge erarbeitet, aber die Abgrenzungen zwischen den Stufen sind nicht so einfach, zumal sie für jede Nutztierart einzeln zu machen sind.

 

Mit der Transparenz durch Fleischkennzeichnung helfen wir auch den bäuerlichen Betrieben, die ihre Tiere besser halten. Denn erst wenn die bessere Tierhaltung erkennbar wird, kann diese Leistung auch in Form von höheren Preisen angemessen entlohnt und honoriert werden. Die Bevölkerung ist in Umfragen beinahe einstimmig für tiergerechte Haltung, und ein großer Teil wäre bereit, etwas mehr dafür zu bezahlen.

 

Viele Anfänge gibt es bereits, und auf regionaler Ebene funktioniert es, wenn man die Betriebe kennt. Aber wir brauchen die Kennzeichnung verbindlich und im großen Stil. Die glaubwürdige und verlässliche Kennzeichnung von Fleisch ist eine notwendige Bedingung für mehr Tierschutz und faire Löhne. So können wir durch das Zusammenwirken von politischer Regulierung der Erzeugerseite mit sich änderndem Einkaufsverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher viel erreichen. Von der Umsetzung sind wir aber leider noch ein gutes Stück entfernt, wir brauchen die politischen Mehrheiten dafür.