Grüne Forschungspolitik – Für nachhaltige Forschung in Bayern

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1. Leitgedanke

Grüne Forschungspolitik ist dem Gedanken der „Nachhaltigen Entwicklung“ verpflichtet, insbesondere in Bezug auf die anwendungsorientierte Forschung. Dieser im „Brundtlandbericht“ entwickelte Begriff der nachhaltigen Entwicklung geht über den kontrollierten Verbrauch von Ressourcen weit hinaus. Techniken sollen nicht nur ökologisch effizient sein, sondern auch von den Menschen angenommen werden, ihnen das Leben erleichtern, Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand begründen.
Wir bekennen uns auch zur vermeintlich „zweckfreien“ Grundlagenforschung in Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften, da nur diese in der Lage ist, ein Verständnis für die Probleme der Menschheit sowie Lösungsansätze zu entwickeln, unabhängig von gesellschaftlichen Trends und rascher Verwertbarkeit. Dabei kann Politik nur den Rahmen setzen, muss darüber hinaus aber die notwendigen Freiräume lassen.
Genauso wichtig wie eine nachhaltige Entwicklung und die Forschungsfreiheit ist aber auch die Anerkennung grundlegender Werte, Moralvorstellungen und ethischer Prinzipien.
Für nachhaltige Entwicklung und ein Problemverständnis bedarf es aber eines disziplinübergreifenden Ansatzes, in dem zusammenhängende Problembereiche interdisziplinär bearbeitet werden. Dies ist nur möglich, wenn

  • eine längerfristige Finanzierung von Forschung gesichert wird;
  • wenn nicht mehr kurzfristige ökonomische oder politische Ziele die Projektfinanzierung bestimmen;
  • eine transparente Mittelvergabe stattfindet;
  • wenn wissenschaftliche Ergebnisse als Handlungsoptionen verstanden werden und nicht als alternativlose Problemlösungen. Sie entbinden die Politik nicht von der Entscheidung.
  • Geistes- und Sozialwissenschaften in ihrem Stellenwert deutlich gesteigert werden, um das Ungleichgewicht zwischen technischem Verfügungswissen und Orientierungswissen wieder auszugleichen.

Eine besondere Priorität für obige Punkte findet sich bei Problemen in unserer faktischen Risikogesellschaft dort, wo der Prozess der Modernisierung und Technisierung sich selbst gefährdet. Intrinsische Risiken der Anwendung von Technik sind eben nicht durch mehr Technik lösbar. Deshalb muss Forschung auch abseits des Mainstreams möglich bleiben, um bei unerwarteten Folgen von Technologieanwendung alternative Lösungsansätze verfolgen zu können – dazu tragen parallel verfolgte unterschiedliche Forschungslinien bei. Auch Forschung muss nachhaltig betrieben werden, um künftigen Generationen gerecht zu werden.
Außerdem soll z.B. die Erforschung von menschlichen und gesellschaftlichen Kommunikationsmöglichkeiten stärker gefördert werden.
Wissenschaft muss in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung betrieben und angewendet werden. Eine Grundlage für den Dialog zwischen Gesellschaft und Forschenden bildet die freie Verfügbarkeit überwiegend öffentlich finanzierter Forschungsergebnisse (Open Access) sowie Transparenz in Finanzierung, Zielen und Methoden von Forschung.

Die von der angewandten Forschung zu unterscheidende Grundlagenforschung ist eine zentrale Basis für Innovation und soll erreichen, dass die Entscheidungsvielfalt bei der Entfaltung zukünftiger Generationen gesichert ist. Sie ist unser forschungspolitischer Generationenvertrag. Die Politik kann dabei nur Leitlinien vorgeben und hinreichend Freiräume lassen.
Das bedeutet: Keine Ausrichtung der Hochschulforschung auf rasche gesellschaftliche Verwertbarkeit, welche die Wissenschaftsfreiheit einengt und die Funktion der Hochschulen als kreative Ideengeber verringert.

2. Forschungsförderung und Forschungsfinanzierung

Die begrenzte Verfügbarkeit an menschlichen und finanziellen Ressourcen bedarf einer intelligenten Forschungspolitik.
Forschende müssen kreativ, eigenverantwortlich und interdisziplinär Fragestellungen und Ideen entwickeln können. Hierfür bedarf es klarer Regeln für Forschungsfinanzierung ebenso wie verlässliche Berufsperspektiven im Wissenschaftsbereich. Durch die vermehrte Drittmittelfinanzierung nehmen Verwaltungsaufgaben stetig zu, die bislang meist von eigentlich Forschenden mitübernommen werden. Hierfür bedarf es einer grundlegenden Neuentwicklung der Strukturen in der Wissenschaft, sei es im Bereich Personalplanung, Daueraufgaben oder Wissenschaftsmanagement.
Neben der öffentlichen Finanzierung der Forschung tragen, gerade in Medizin und Ingenieurwesen, Forschungsaufträge aus der Wirtschaft wesentlich zur Forschungsfinanzierung bei. Dieser Bereich der Mischfinanzierung bedarf größerer Transparenz durch verlässliche Regeln bei Finanzierung und Veröffentlichung – auch auf Landesebene.

Arbeitsbedingungen
Die prekären Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft bedürfen dringend einer Veränderung. Über 70% des Wissenschaftspersonals in bayerischen Hochschulen haben eine befristete Stelle, bei jeder zweiten beträgt die Vertragsdauer nicht einmal ein Jahr. Hier besteht größter Handlungsbedarf: es müssen Mindeststandards eingeführt und für ein planbares Berufsleben gesorgt werden. Dabei müssen das derzeitige Qualifizierungssystem genauso hinterfragt werden, wie die bestehenden Personalstrukturen. Diese Mindeststandards müssen sich auch in der Wissenschaftsfinanzierung widerspiegeln. Es bedarf einer ausreichenden Grundfinanzierung, um sowohl die Qualität der Forschung zu gewährleisten, als auch die Arbeitsbedingungen wieder auf ein international vergleichbares Niveau zu bringen. Die Einführung von Tenure-Track-Modellen ist hierzu ein erster Schritt.

Exzellenzinitiative
Die Ausdifferenzierung zwischen einzelnen exzellenten und vielen mittelmäßig ausgestatteten Hochschulen durch die Exzellenzinitiative hat befristet sehr hohe Finanzmittel auf sehr wenige Hochschulen verteilt. Nach Auslaufen der zeitlich begrenzten Finanzierung fehlen Mittel für die Fortführung der neu entstandenen Forschungszweige. Auch deshalb sehen wir die Exzellenzinitiative kritisch.

3. Entwicklung der Forschungspolitik

Die hier mehrfach angesprochenen Innovationen setzen aber kulturelle Veränderungen voraus: Eine offene Gesellschaft, Neugierde, die Bereitschaft aus Schwächen, die wir heute haben, Stärken von morgen zu entwickeln. Um diesen Prozess zu stärken, muss bereits in frühem Lebensalter angesetzt werden.
Wir erachten den Weg hin zu einer Wissensgesellschaft für unumgänglich. Dabei setzen wir auf das Motto „Förderung statt Selektion“. Ziel muss es sein, Neugier und Wissensdurst bei jungen Menschen zu unterstützen.

Die vielzitierte Wissens- oder besser Bildungsgesellschaft ist unseres Erachtens nur durch verstärkte Investitionen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich möglich.
Zudem ist Forschung immer auch ein Wirtschaftsmotor. Insofern ist Forschungspolitik auch Entwicklungspolitik. Weniger entwickelte Länder müssen in die Lage versetzt werden, selbständig Wissenschaftsstrukturen dauerhaft unterhalten zu können um eine nachhaltige Entwicklung zu ermöglichen und dauerhaft die Internationalität von Forschung zu ermöglichen.
Forschung – z.B. die gesellschaftswissenschaftliche – sollte die Zusammenhänge von regionalen Handlungen und Entwicklungen mit globalen Folgen und Ergebnissen aufklären. Besonders geeignet können dafür fachrichtungsübergreifende, etwa sozial-ökologisch ausgerichtete, Forschungsschwerpunkte sein, wie sie an alternativen Forschungsinstituten unterhalten werden.

Die durch den wissenschaftlich-technischen Fortschritt bewirkten Veränderungen der Lebensgrundlagen der menschlichen Zivilisation müssen in Entscheidungsprozessen stärker bewusst werden.
D.h. das Verhältnis zwischen Forschung, Gesellschaft und Politik muss neu definiert werden. Dies setzt aber hohe Anforderungen an alle Akteure.
Forschung muss somit Entscheidungsalternativen und deren derzeit abschätzbare Auswirkungen benennen. Gesellschaftliche Entscheidungen müssen auf der Basis ausführlicher Information und Diskussion getroffen werden. Es gibt keine alternativlosen Szenarien – weder vor politischen Entscheidungen, noch um sie im Nachhinein zu rechtfertigen. Nur die Ermöglichung einer transparenten Kommunikation aller Alternativen erlaubt eine demokratische Entscheidungsfindung. Hierzu bedarf es einerseits einer ausreichenden Grundfinanzierung von Wissenschaft und Forschung, damit nicht nur der Mainstream gefördert wird und die Unabhängigkeit von wirtschaftlichem Profitstreben sowie politischen Vorgaben erhalten bleibt.
Andererseits ist ein Wandel in der politischen Kultur nötig, man beobachtet derzeit eher die zwei Extreme Technikfeindlichkeit und Technikgläubigkeit.

Ein weiteres Ziel muss in der Stärkung unabhängiger Forschung zur Bewertung des Risikos eingesetzter Technologie liegen.
Vor allem anwendungs- und produktorientierte Forschung braucht eine unabhängige Risikoforschung (Technikfolgenabschätzung). Dafür sind Qualitäts-, Nachhaltigkeits- und Effizienzstandards erforderlich. Forschungspolitische Steuerungsmöglichkeiten sollen konsequent genutzt werden um geeignete Rahmenbedingungen zu bestimmen. Hierzu ist die Einrichtung neuer, unabhängiger Kontrollinstanzen nötig.

Wir bekennen uns zu Grenzen in der Forschung, insbesondere dort wo Rechte von Menschen und Tieren oder die Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen bedroht sind.

4. Fazit

Freie Forschung ist die Grundvoraussetzung für wissenschaftliche Innovationskraft, Qualität und Exzellenz. Sie ist die Basis gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts. Mit ihr geht jedoch auch eine besondere Verantwortung einher. Sowohl die Ziele der Forschung sollten in einer Demokratie aus der gesellschaftlichen Auseinandersetzung entwickelt werden, als auch der Umgang mit identifizierten Risiken.

Der Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung unserer modernen Bildungsgesellschaft / Wissensgesellschaft setzt Problemverständnis und Innovationen in allen Forschungsbereichen voraus. Die Strukturen in unserem Wissenschaftsbetrieb sind auf die kommenden Aufgaben nur unzureichend vorbereitet. Um das kreative Potential der Wissenschaftler zu heben und den Wissenschaftsstandort Bayern konkurrenzfähig zu erhalten, sind Strukturverbesserungen nötig. Wesentliche Aspekte sind bessere Arbeitsbedingungen in der Forschung, eine Professionalisierung des Wissenschaftsmanagements, eine auskömmliche Grundfinanzierung und Transparenz in der Drittmittelfinanzierung.

In unserer Vision zur ökologischen Transformation lehnen wir uns an Nicholas Stern an, für den neue Techniken für kohlendioxidarme und erneuerbare Energien in den kommenden Jahrzehnten die wichtigsten Triebfedern für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum sein werden. Auf Grundlage dieser Überzeugung empfiehlt der frühere Chefökonom der Weltbank eine verstärkte öffentliche Technologie- und Forschungsförderung.

5. Beispiele

Grüne Forschungspolitik fokussiert sich auf drängende gesellschaftliche, ökologische und ökonomische Fragen und Probleme. Im Folgenden werden schlaglichtartig konkrete Problemkreise an Hand ausgewählter Beispiele aufgeführt und veranschaulicht.

1. Beispiel: Nanotechnologie
Im Vergleich mit herkömmlichen Stoffen, weisen Nanomaterialien häufig andere physikalische und chemische Eigenschaften auf. Dadurch werden unzählige neue industrielle Anwendungen möglich.
Im Bereich der erneuerbaren Energien, besonders der Photovoltaik, könnte Nanotechnologie vorhandene Effizienzprobleme lösen und damit einen Beitrag zur Energiewende leisten. Neue Filtrationstechniken können außerdem dabei helfen, Millionen von Menschen in Entwicklungsländern mit gereinigtem Wasser zu versorgen.
Nanotechnologie birgt aber auch Risiken.
Beispielsweise bei Kosmetika oder Reinigungsmitteln, in denen Nanomaterialien in ungebundener Form vorliegen oder aus denen diese leicht freigesetzt werden können, sind die bestehenden Risiken für Mensch und Umwelt bislang viel zu wenig erforscht. Die Sicherheits- und Risikoforschung muss daher deutlich ausgeweitet werden. Außerdem brauchen wir bessere Regelungen bezüglich Zulassung und Haftung, sowie mehr Transparenz für Verbraucherinnen und Verbraucher.

2. Beispiel: Gentechnologie
Gentechnologische Methoden eröffnen auf zahlreichen Gebieten radikal neue Ansätze. Die erfolgreiche gentechnische Herstellung des ersten Arzneimittels, Insulin, in Bakterien 1982 war ein erster Schritt hin zur biotechnologischen Produktion von Medikamenten, die die Gewinnung dieser Stoffe aus tierischem Gewebe weitgehend ablöste. Inzwischen ist die biotechnologische Herstellung von Arzneimitteln und Hormonen, aber auch Enzymen für die Verwendung in Waschmitteln mit gentechnisch veränderten Bakterien in großtechnischem Maßstab Routine.
Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen mit Resistenz gegen Unkrautvernichtungsmittel werden seit Jahren z.B. in den USA freigesetzt, nun werden vermehrt Varianten entwickelt die erhöhte Mengen definierter Inhaltsstoffe, etwa Vitamine, enthalten. Diese sollen das Versprechen der „grünen Gentechnologie“, eine Verbesserung der Ernährungslage in der Welt, erfüllen helfen. Wir lehnen den Einsatz von gentechnisch verändertem Saatgut ab.
Auch die „rote Gentechnologie“ an Tieren haben ein weites Anwendungsspektrum. So ist etwa eine Produktion von Medikamenten in den Milchdrüsen gentechnisch veränderter Kühe und Ziegen („Pharming“) bereits erfolgreich. Auch sollen gentechnisch sterilisierte Moskito-Männchen die Moskitopopulationen in Lateinamerika verringern, um so Erkrankungen wie das Denguefieber zu bekämpfen. Derartige Ansätze sind auch in der Wissenschaft sehr umstritten, da die Konsequenzen einer Freisetzung lebender Tiere (wie auch Pflanzen) in komplexen Ökosystemen nicht absehbar sind, andererseits aber eine Rückholung nicht möglich ist. Staaten müssen die Möglichkeiten erhalten, den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen auf ihrem Staatsgebiet zu untersagen.
Völlig andere Problemstellungen ergeben sich bei der Fortentwicklung der „personalisierten Medizin“. Die Idee ist es, Therapien individuell zu optimieren durch Anpassung an die genetischen Eigenschaften der Patienten. So können Arzneimittel passgenau und in der optimalen Dosierung gegeben werden, wenn Unverträglichkeiten und Stoffwechselbesonderheiten bekannt sind. Grundlage für derartige Individualisierung ist die – zumindest teilweise – Bestimmung des Genoms. Ethische Fragen die etwa den Umgang mit ggf. belastenden Informationen über Patienten betreffen, aber auch dringliche Fragen des Datenschutzes bleiben hier zu klären. Ganz ähnlich gilt dies für Firmen, die kommerziell Genomsequenzierung und die Identifizierung von „Krankheitsgenen“ anbieten ohne ihre Kunden professionell zu den Ergebnissen zu beraten.

3. Beispiel: Werkstofftechnik
Seit einigen Jahren wird heftig um die Verwendung und den Einsatz sogenannter „seltener Erden“ diskutiert, welche für die Elektronik, aber auch moderne Magneten (Windgeneratoren) von Bedeutung sind. Hier sehen die Grünen immer noch eine zu hohe Wegwerfquote (z.B. bei Handys) und eine zu geringe Ressourceneffizienz.
So sehr man auch die Bemühungen der Regierungen in Berlin und München zur Erlangung von Lizenzen für den Abbau von seltenen Erden für die Versorgung der Industrie anerkennen mag: Die Grünen setzen auch hier eher auf Vermeidung, Ersetzen und Recycling.

4. Beispiel: Altersforschung
Im „Horizon 2020“- Programm der EU wird das Problem der Altersgesellschaft angesprochen. Die Grünen begrüßen, wenn die Institute/Institutionen in Bayern zielorientierte Grundlagenforschung zum Thema Demenz und Alzheimer betreiben.
Über die Erforschung altersassoziierter Erkrankungen hinaus stellen sich jedoch Fragen zu einer Restrukturierung hin zu einer altersgerechten Gesellschaft. Wie sollen gesellschaftliche Teilhabe, Betreuung und Pflege in dieser Gesellschaft organisiert und finanziert werden? Wer vertritt in einer alternden Gesellschaft die Interessen der Jugend und der Kinder? Hier fehlen noch Konzepte, und eine Stärkung der begleitenden Sozialforschung ist dringlich.