Kulturarbeit von und mit Geflüchteten fördern

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Kulturelle Teilhabe ermöglichen, kreative Potentiale stärken – öffentliche Förderung für die Kulturarbeit von und mit Geflüchteten

Weltweit waren noch nie so viele Menschen auf der Flucht. Viele Geflüchtete suchen täglich auch Schutz in Bayern. Die Unterbringungssituation einiger Erstaufnahmeeinrichtungen im Freistaat ist mangelhaft: Es herrscht drangvolle Enge, die vorgegebenen 7 m2 pro Person werden oftmals unterschritten. Zunehmend werden Turnhallen und Zelte als provisorische Unterbringung genutzt, Privatsphäre ist dort nicht denkbar. Neben einer angemessenen räumlichen Unterbringung benötigen Menschen, die bei uns Schutz suchen vor Krieg, Verfolgung und wirtschaftlicher Not, vielfältige Unterstützung für einen menschenwürdigen Aufenthalt in Bayern. Dieser kann derzeit nur durch eine hohe Spendenbereitschaft – von Kleidung, Fahrrädern bis hin zu Kinderspielzeug – sowie durch ehrenamtliche Arbeit seitens der Bevölkerung annähernd gewährleistet werden. Die Defizite bayerischer Asylpolitik werden insbesondere bei den unzureichenden sozialen Rahmenbedingungen sichtbar: Schwer traumatisierte Geflüchtete erhalten meist keine professionelle psychotherapeutische oder psychosoziale Betreuung, die Sozialämter übernehmen in der Regel keine Kosten für Psycho-therapien. In den meisten Einrichtungen fehlen Asyl-Sozialarbeiter*innen. Obwohl das Erlernen der deutschen Sprache für Asylsuchende der Schlüssel ist für ein integratives Sozialleben, den Schulbesuch und einen Arbeitsplatz in Deutschland, haben Asylsuchende keinen Zugang zu den Sprach-förderangeboten der Integrationskurse und sind meist von der berufsbezogenen Deutschförderung ausgeschlossen, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Bundes organisiert. Der überwiegende Anteil des Angebots von freiwilligen Deutschkursen in Gemeinschaftsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen wird in Bayern von Ehrenamtlichen übernommen, ebenso wie die Betreuung von Klein- und Kindergartenkindern. Die Bereitstellung von Unterrichts- und Spielmaterialien ist dabei abhängig von der Spendenbereitschaft ortsansässiger Firmen und von Privatpersonen. Abgesehen vom ehrenamtlichen Engagement einzelner Ortsansässiger bietet das Leben in den bayerischen Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften für die Geflüchteten wenig Abwechslung vom Alltag in der Fremde. Nicht selten sind unbewältigte traumatische Erlebnisse im Herkunftsland, Ungewissheit über den Aufenthaltsstatus, fehlende Privatsphäre und auch Langeweile in der jeweiligen Übergangsunterkunft Auslöser für zunehmende Frustration unter den Geflüchteten.

Abwechslung vom Alltag für Geflüchtete ist jedoch nur ein Aspekt von vielen, der Kulturschaffende bundesweit und in Bayern vermehrt dazu veranlasst, Kulturprojekte für und mit Geflüchteten durchzuführen. Eines der prominentesten Beispiele für die Kulturarbeit mit Geflüchteten ist wohl das Opernprojekt „Cosi fan tutte“ durch den Verein „Zuflucht Kultur e.V.“: Die Mitwirkenden dieser Operninszenierung setzen sich zusammen aus Mitgliedern der deutschen Musikszene und Bürgerkriegsgeflüchteten aus Syrien. Aktuell wurde in Bremen das Syrian Expat Philharmonic Orchestra gegründet, ein Syrisches Exil-Orchester. Aber auch in bayerischen Städten wie München, Augsburg, Regensburg und Ingolstadt gibt es herausragende Kulturprojekte, die unter künstlerischer Beteiligung von Asylsuchenden vor Ort entstanden sind.
Dass die Beschäftigung mit Kunst und Kultur eine Abwechslung vom Alltag und für einige Geflüchtete sogar eine Form der „Traumabewältigung“ bedeuten kann, ist unbestritten. Darüber hinaus bringt die gemeinsame künstlerische Aktivität Menschen unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft einander näher und trägt zum besseren Verständnis für das Schicksal von Geflüchteten bei. Viele Asylsuchende, die an Kulturprojekten in Bayern mitwirken, begreifen dies als Gelegenheit, einmal nicht „passiv“ Hilfeleistungen in Deutschland dankend entgegenzunehmen, sondern wiederum durch ihre kreativen Fähigkeiten unsere Gesellschaft zu bereichern.

Die Auseinandersetzung mit persönlichem Leid und Krieg war für viele Künstler*innen seit jeher ein schöpferischer Impuls. Werke aus Musik, Kunst und Literatur bieten dafür zahllose Beispiele wie Pablo Picassos „Guernica“, Olivier Messiaens in deutscher Kriegsgefangenschaft komponiertes „Quartuor pour la fin du temps“ oder Franz Werfels Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“. Im Mittelpunkt der Förderung von Kunst und Kultur mit Geflüchteten steht daher die Förderung von Kunst an sich und nicht die möglichen psychosozialen und integrativen „Nebeneffekte“ durch künstlerische Aktivität. Es geht um die Verbesserung von Rahmenbedingungen zur Entstehung künstlerischer Werke durch Menschen, deren Erfahrungshorizont von Flucht, Vertreibung und Krieg nicht vergleichbar ist mit den Erfahrungen der meisten Menschen in Deutschland. So entstehen oft verblüffende künstlerische Ergebnisse.

Organisationen und Vereine, die in Bayern Projekte mit Asylsuchenden durchführen bzw. für diese organisieren wollen, werden in ihrer Arbeit oft mit übermäßigen bürokratischen Hürden konfrontiert. Im Haushaltsplan des Freistaates sind keine Mittel speziell für Kulturprojekte mit Geflüchteten vorgesehen. Meist erfolgt die Finanzierung durch Mittel, die durch die Bezirksausschüsse bewilligt werden. Von einem angemessenen Honorar für die beteiligten Künstler*innen kann jedoch angesichts der geringen Höhe der öffentlichen Finanzierung in den meisten Fällen nicht die Rede sein. Ohne ein hohes Maß an Selbstausbeutung der Künstler*innen, die diese Projekte organisieren und durchführen, wären viele Kulturprojekte mit Geflüchteten nicht realisierbar. Darüber hinaus sollten besonders gut besuchte und erfolgreiche Kulturprojekte mit Geflüchteten möglichst unbürokratisch auf einen längeren Zeitraum verstetigt werden können. Außerdem fehlt es an einer Vernetzung und Koordination der freien Träger, die vor Ort Kulturprojekte mit Geflüchteten anbieten.

Wir wollen freie Träger und freischaffende Akteure der Kulturszene darin unterstützen, Kulturprojekte mit Geflüchteten durchzuführen und fordern zur Verbesserung der Rahmenbedingungen ihrer Arbeit die folgenden Maßnahmen:

  1. Die Einrichtung einer eigenen Haushaltsstelle für Kulturprojekte mit bzw. von Geflüchteten
    Über eine eigenständige Haushaltsstelle mit dem Haushaltstitel „Kulturprojekte mit Geflüchteten“ im bayerischen Staatshaushalt könnten sowohl freie Träger als auch einzelne Akteur*innen aus Kunst und Kultur Finanzmittel beantragen, sofern sie ein entsprechendes Professionalisierungsniveau und einen Kooperationspartner vorweisen können.
  2. Die Einrichtung einer zentralen Koordinierungsstelle
    Um die Beantragung von Mitteln aus dem Haushalt möglichst unkompliziert zu gestalten, soll in Bayern eine zentrale Stelle eingerichtet werden, die freie Träger sowie einzelne Akteur*innen aus Kunst und Kultur bei dem Erstellen ihrer Anträge unterstützt und bei welcher die Anträge eingereicht werden können. Auch Anträge für eine Verlängerung der Mittelzuwendung bestehender Kulturprojekte mit bzw. von Geflüchteten sollen bei dieser Koordinierungsstelle eingereicht werden können.
  3. Eine angemessene Entlohnung für alle an den Kulturprojekten Beteiligten
    Eine angemessene Entlohnung der Durchführenden von Kultur-projekten mit bzw. von Geflüchteten muss ebenso gewährleistet sein wie angemessene Honorare für alle Mitwirkenden an Projekten aus den Bereichen Bildende Kunst, Fotografie, Theater, Musik und Tanz.
  4. Die Einrichtung eines Onlineportals
    Zur besseren Vernetzung und Koordination der freien Träger, die Kunst- und Kulturprojekte mit Geflüchteten anbieten oder für diese organisieren, sollte ein bayernweites Onlineportal eingerichtet werden. Dieses könnte auch dazu dienen, interessierten Kooperationspartnern eine regional zugeordnete Übersicht aller angebotenen Kulturprojekte zu präsentieren.