Problemfall Plastiktüte

Thomas Fischer, Deutsche UmwelthilfeFür unser Mitgliedermagazin haben wir mit Thomas Fischer, dem Leiter der Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe e.V. über Plastiktüten und ihre Vermeidung gesprochen.

Grüne Bayern: Im März 2013 strandete in Spanien ein toter Pottwal, in seinem Inneren fand man 30 Quadratmeter Plastikfolie. In der Nordsee schwimmen 15.000 Tonnen Plastikmüll, weltweit sind es acht Millionen Tonnen neuer Plastikmüll jedes Jahr, das ist eine Müllwagenladung pro Minute. Wie kommt es, dass dieser Plastikmüll nicht recycelt oder verbrannt wurde?

Thomas Fischer, Deutsche Umwelthilfe: Leider landet sehr viel Müll nicht in den dafür vorgesehenen Tonnen, sondern wird einfach achtlos in der Landschaft entsorgt oder ins Meer geworfen. Alle herumliegenden Abfälle getrennt einzusammeln, zu säubern und zu recyceln, wäre technisch kaum machbar und viel zu teuer. Zum anderen verfügen viele Länder, selbst in Europa, noch nicht über die geeigneten Anlagen zum Recycling. Stattdessen landet viel Abfall auf Deponien. Plastik wird in beiden Fällen zum besonderen Problem: Plastikteile sind leicht und verteilen sich schnell mit dem Wind und Wasser in der Natur. Außerdem baut es sich nur sehr langsam ab. So sammeln sich immer größere Kunststoffmengen vor allem in den Meeren und in der Nahrungskette an.

Die korrekte Entsorgung nicht vermeidbarer Plastikabfälle über den gelben Sack oder die Wertstofftonne ist in Deutschland der erste wichtige Schritt zu einem möglichst hochwertigen Recycling. Da kann jeder mitmachen. Für mehr und besseres Recycling sind aber auch Wirtschaft und Politik gefragt. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) setzt sich daher auf nationaler wie europäischer Ebene für strengere gesetzliche Vorgaben zur Kunststoffverwertung und für ein Ende der Deponierung von Plastikmüll und anderen Abfällen in der gesamten EU ein. Noch besser als das Recycling von Kunststoffverpackungen ist deren Vermeidung, beispielsweise durch Mehrwegalternativen für Plastikflaschen oder -Tüten.

33 % des erzeugten Kunststoffs wird für Verpackungen verwendet. Immer mehr Geschäfte bieten Tragetüten aus nachwachsenden Rohstoffen oder recyceltem Plastik an. Manche behaupten, biologisch abbaubare Tüten anzubieten. Kann man diese Plastiktüten bedenkenlos nutzen?

Nein, leider überhaupt nicht. Biologisch abbaubare Plastiktüten mit Anteilen nachwachsender Rohstoffe sind sogar die umweltunfreundlichste aller Einwegtütenvarianten. Der Anbau der Pflanzen für die Produktion der Tüten belastet die Umwelt durch hohe Energie- und Wasserverbräuche, Pestizideinsatz, Bodenbeanspruchung und Beeinträchtigung der Artenvielfalt. Damit die Tüte reißfest bleibt, kann außerdem der „klassische“ Kunststoff aus Erdöl in der Regel nicht komplett ersetzt werden. Deshalb sind viele unterschiedliche Mischkunststoffe am Markt, die kaum recyclingfähig sind. Auch die vermeintliche Abbaubarkeit ist kein wirkliches ökologisches Plus: In der Kompostierung sollen die Tüten zu CO2 und Wasser zerfallen, würden also weder Humus noch Nährstoffe liefern. In die Biotonne geworfen, werden sie laut einer DUH-Umfrage unter deutschen Kompostanlagenbetreibern überwiegend als Störstoffe aussortiert und verbrannt. Die eingesetzten Rohstoffe gehen verloren.

Sind Papiertüten eine sinnvolle Alternative? Wie ist deren Ökobilanz?

Einweg-Papiertüten sind keine umweltfreundliche Alternative zu Plastiktüten. Im Vergleich zu Tüten aus fossilem Plastik schneiden sie sogar schlechter ab. Grund ist vor allem der erhöhte Materialaufwand: Für die Produktion des Papiers sind große Holz-, Wasser- und Energiemengen nötig. Zudem sind Papiertüten, um dieselbe Reißfestigkeit wie Plastiktüten zu erreichen, fast doppelt so schwer. Für Papiertüten müssen zudem chemisch behandelte, besonders lange Papierfasern eingesetzt werden. Das erschwert die Nutzung von Recyclingpapieranteilen. Statt auf Papiertüten sollte man also auf stabile vielfach nutzbare Tragetaschen setzen. Ob aus Kunststoff, Baumwolle, Polyester oder Jute, durch die lange Lebensdauer werden unter dem Strich jede Menge Rohstoffe, Energie und Abfall eingespart.

 

Wiederverwendbare Mehrwegtaschen verringern also am effektivsten die Umweltbelastung, ähnlich wie bei Getränkeflaschen. Brauchen wir ähnlich wie beim Dosenpfand ein Pfand für Tragetaschen?

Nicht das Pfand ist wichtig, sondern dass es sich um Mehrwegtaschen handelt. Damit diese genutzt werden und der Griff zur Wegwerftüte ausbleibt, sind Angebote attraktiver Mehrwegtaschen und Anreize zu deren Nutzung wichtig. Das können zum Beispiel Rabattsysteme als Belohnung für jeden Einkauf mit einer Mehrwegtasche sein oder die von der DUH geforderte Abgabe auf Einwegtüten in Höhe von mindestens 22 Cent. Der kostenfreie Austausch von abgenutzten oder beschädigten Mehrwegbeuteln durch neue Taschen, ähnlich wie im Mehrwegsystem bei Getränkeflaschen, wird bereits von einigen Händlern praktiziert.

 

Der Handelsverband Deutschland hat sich die Selbstverpflichtung auferlegt, Plastiktüten nur noch gegen eine Gebühr zu verkaufen, nicht aber mehr kostenlos abzugeben. Das SPD-geführte Bundesumweltministerium findet diesen Vorschlag gut. Was halten Sie davon?

Das ist nichts als eine Nebelkerze. Der Handelsverband hat von Anfang an kundgetan, dass er damit eine gesetzliche Regelung verhindern will. Eine gesetzliche Plastiktütenabgabe ist jedoch das wirksamste Instrument zur Reduzierung der Tütenflut. Erfahrungen aus Irland belegen, dass mit einer Höhe von 22 Cent pro Tüte der Verbrauch um 97 Prozent gesenkt werden konnte. Dann müssten auch alle Händler mitmachen und die Einnahmen könnten zweckgebunden für Maßnahmen zur Abfallvermeidung genutzt werden. Bei der Selbstverpflichtung dagegen soll das Geld aus dem Verkauf der Tüten in die Taschen der Händler fließen. Vor allem werden wohl nicht alle Händler mitmachen, denn insbesondere die Textilindustrie will Plastiktüten weiterhin kostenlos herausgeben. Zudem möchte der Handelsverband keinen Mindestpreis vorgeben, sodass ein Lenkungseffekt hin zu weniger Tüten zweifelhaft ist. Ein möglicher Preis von zum Beispiel einem Cent pro Tüte würde mit Sicherheit kaum jemanden von deren Nutzung abhalten.

 

Die EU-Plastiktüten-Richtlinie fordert, bis 2019 den Pro-Kopf-Verbrauch auf 90 Plastiktüten pro Jahr zu senken, bis 2025 auf nur noch 40. Die Deutschen verbrauchen derzeit 76 Tüten pro Kopf pro Jahr. Sind wir auf einem guten Weg?

Deutschland positioniert sich öffentlich gerne als Vorreiter in Sachen Umweltschutz. Das ist in vielen Fällen nicht mehr der Fall, so auch bei Plastiktüten. Während sich Umweltministerin Hendricks vom Handel hinhalten lässt, haben andere Länder längst gehandelt und mit staatlichen Regelungen, wie zum Beispiel Abgaben, ihren Verbrauch drastisch reduziert: Irland liegt aktuell bei 16, Finnland und Dänemark sogar nur bei vier Tüten pro Kopf und Jahr. Deutschland muss sich an diesen Ländern orientieren und endlich wirksame Maßnahmen, wie eine gesetzliche Abgabe auf den Weg bringen. Eine freiwillige Selbstverpflichtung des Handels wird den massenhaften Verbrauch von Plastiktüten weiter verlängern und nicht verhindern.